Dieses Kind ist so schwierig

Stell Dir vor, Du bist Mitarbeiter/in in einer Kita und Du erlebst folgende Szene mit dem Mädchen Nesrin:

„Beim Frühstück hat Nesrin über die Marmelade geschimpft, die schmecke nicht. Beim Abräumen hat sie absichtlich den Teller fallen lassen. In der Spielecke hat Nesrin Samuel einen Bauklotz auf den Kopf gehauen. Und im Toberaum hat sie den kleinen Uli von der Rutsche geschubst. Uli hat geheult und Du, als Betreuerin, hast jetzt mit Nesrin geschimpft.“

Stell Dir die Szene genau vor und überlege Dir, was Du über Nesrin denkst. Was denkst Du? Etwas Gutes? Bist Du genervt? Findest Du das Verhalten dieses Mädchens doof? Findest Du das Mädchen doof?

Wir alle kennen solche Szenen, mit fremden Kindern und auch mit eigenen Kindern. Und so oft verurteilen wir diese Kinder, sind genervt über ihr Verhalten. Wenn es ein Kind ist, das sonst ganz angenehm ist und hätte dieser Text die Überschrift „Nesrins verkehrter Tag“, dann könnten wir schon viel emphatischer reagieren. Wenn die Nesrin aber täglich so ist, also ständig, dann sind wir doch schnell einmal genervt und beginnen, Nesrin echt mühsam zu finden. Oder nervig, oder doof, oder frech, oder unangepasst, oder verhaltensauffällig, oder, oder, oder. Völlig verständlich und logisch, das geht uns doch allen so. Und nun sagte Dr. Alfred Adler (Gründer der Individualpsychologie) dazu folgendes:

„EIN KIND DAS PROBLEME MACHT, HAT BEREITS WELCHE!“

Hat also die Nesrin in der oben beschriebene Geschichte (von Isabel Abedi aus dem Buch Superstarke Kindergartengeschichten) bereits Probleme? Ja, das hat sie. So geht Nesrins Geschichte weiter:

„Jetzt sitzt Nesrin in der Puppenecke. In einer Hand hält sie Jan und in der anderen hält sie Tina. Das sind die Kindergartenpuppen. Diese Puppen beginnen jetzt heftig miteinander zu streiten und schreien sich an. Und dann schmeisst Nesrin die beiden Puppen Jan und Tina wütend in die Ecke. Sie sieht Dich, die Betreuerin in der Türe stehen und beginnt heftig zu weinen. Du kannst sie auf den Schoss nehmen und Nesrin kann sich bei Dir in Ruhe ausheulen. Und wenn alle Tränen ausgeweint sind, erzählt Dir Nesrin, dass sich ihre Eltern gestern so heftig gestritten hatten und Papi dann einfach aus dem Haus gestürmt ist, ohne ihr Tschüss zu sagen.“

Hier haben wir also eine Erklärung für Nesrins verkehrten Tag, und für ihr anstrengendes oder auffälliges Verhalten.

Was denkst Du jetzt über Nesrin? Ist sie doof? Nervt sie? Ist sie frech? Unangepasst? Mühsam? Unangenehm? Oder kannst Du viel Mitgefühl mit Nesrin empfinden weil Du ihre Gefühle, ihre Angst, ihren Schmerz und Ihre Not ganz gut verstehen kannst? Möchtest Du das Mädchen am liebsten umarmen? Ihm eine extra Portion Aufmerksamkeit und Liebe schenken? Ihm etwas Gutes tun? Ihm Zuhören? Wahrscheinlich denkst Du eher die letzteren Dinge.

Und genau das geschieht. Immer. „EIN KIND DAS PROBLEME MACHT, HAT WELCHE“. Gut zu wissen oder? Ich finde es ist unsere Pflicht, als Eltern, Lehrer und Betreuer von Kindern genau das zu erkennen. Zu Wissen, dass hinter jedem Fehlverhalten ein Problem, ein unerfülltes Bedürfnis steckt.

Unerfüllte Bedürfnisse können z.B. sein: Hunger, Durst, Ruhe, Schlaf, Zeit für sich selbst, Reizüberflutung, Geborgenheit, Liebe, mehr Harmonie, einen Platz haben, gesehen werden, OK zu sein wie man ist, Aufmerksamkeit zu bekommen, lernen und sich entwickeln dürfen, einen Halt bekommen durch das Spüren von Grenzen, geführt werden, Sicherheit, Beständigkeit, Abwechslung, und, und, und.

Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach heraus zu finden, welches unerfüllte Bedürfnis oder Problem hinter dem Fehlverhalten des Kindes steckt. Und wenn wir es erkennen, heisst das auch nicht immer, dass wir das unerfüllte Bedürfnis immer stillen möchten. Vielleicht ist es uns jetzt in dem Moment gerade wichtiger, dass wir uns zuerst um uns selbst kümmern, damit wir danach wieder auf das Bedürfnis des Kindes eingehen können. Vielleicht sind wir auch mit einer Klasse, bestehend aus 20ig Kindern zu Gange und uns fehlt schlicht die Zeit, uns um jedes einzelne Bedürfnis zu kümmern. Vielleicht ist das Kind gerade an einem Lernschritt und es darf lernen, dass genau dieses Bedürfnis von uns nicht erfüllt werden kann oder möchte. Aber wenn wir wissen, dass hinter dem momentanen Fehlverhalten des Kindes ein unerfülltes Bedürfnis, ein Problem, eine Not steckt, dann gelingt es uns viel besser, das Kind so wie es jetzt im Moment ist, anzunehmen. Wir können das Verhalten von uns weg halten, denn wir wissen, dass es nichts mit uns zu tun hat. Es ist das Problem des Kindes, wir sind lediglich damit herausgefordert, dass wir das Problem des Kindes erkennen. Und, dass wir, nachdem wir das Problem erkannt haben, dem Kind beistehen können um dafür eine Lösung zu finden oder es auch einfach in seinen Gefühlen zu begleiten (mehr dazu liest Du hier). Dass wir mit ihm emphatisch sind und das Kind nicht als Person verurteilen. Es geht nicht um Schuld, schwierig, falsch oder unangepasst sein – das Kind schickt uns einen Ruf. Hören wir seinen Ruf?

Mit etwas Übung gelingt es uns immer häufiger und schneller, diese Rufe zu erkennen, die Bedürfnisse dahinter zuordnen zu können und emphatisch auf das Kind zuzugehen. Sobald wir das Problem des Kindes erkennen, können wir gemeinsam mit dem Kind an der Ursache arbeiten und wir sind nicht mehr im Teufelskreis des Fehlverhaltens gefangen. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen liegt allerdings in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Das ist nicht die Aufgabe des Kindes, dazu ist es noch nicht in der Lage. Ebenfalls ist es die Aufgabe von uns Erwachsenen, das Kind möglichst viel im Positiven zu stärken und ganz viel Ermutigung (Achtung, Ermutigung ist nicht Lob) zu schenken. Ermutigung ist eine Haltung und gut angewandt, deckt sie die seelischen Grundbedürfnisse der Kinder ab. Somit tritt auch weniger Fehlverhalten auf.

Wenn Du jetzt denkst, dass Fehlverhalten nur die sehr auffälligen Kinder betrifft, dann muss ich Dich leider enttäuschen. JEDES Kind (und jeder Erwachsene) zeigt von Zeit zu Zeit Fehlverhalten. Wenn Ihr Zuhause viele Machtkämpfe und Streitereien austragt, dann steckt dahinter Fehlverhalten. Wenn Ihr jeden Morgen ein riesen Tohuwabohu und Stress habt, bis alle aus dem Haus sind, dann steckt dahinter bestimmt Fehlverhalten. Wenn Du kein ruhiges Telefonat machen kannst, weil die schon älteren Kinder permanent Deine Aufmerksamkeit wünschen, dann steckt dahinter ein Fehlverhalten. Wenn Dein Kind andere beisst, schubst, haut – dann steckt auch darin ein Hilferuf Deines Kindes. Ja, es sind nicht die grossen Themen, diese fallen uns sofort auf. Wir kennen alle ganz viele persönliche Situationen aus unserem Alltag, bei denen es sich eigentlich um Fehlverhalten dreht.

Und warum ich das alles schreibe? Weil das alles nicht sein muss. Wir müssen uns nicht täglich mit den selben Problemen herum schlagen und uns über das Verhalten der Kinder aufregen. Wir müssen nicht die Kinder für schwierig oder unerziehbar abstempeln. Statt dessen dürfen wir die Herausforderung annehmen. Wir können und wir dürfen dazu stehen, dass uns dieses Kind im Moment herausfordert und wir hier gerade keine Antwort kennen. Wir dürfen uns TÄGLICH neu entscheiden, dass wir die Verantwortung für uns selbst übernehmen und aus diesem „Spiel des Fehlverhaltens“ aussteigen, indem wir unsere eigenen Reaktionen und Haltungen verändern. Indem wir unsere Perspektive wechseln und verstehen, was gerade in diesem Kind vorgeht. Und genau darauf möchte ich Dich fit machen. Wie Du Fehlverhalten und die unerfüllten Bedürfnisse dahinter erkennst, den Teufelskreis durchbrichst, umlenkst, proaktiv wirkst, was Ermutigung heisst und vieles mehr, lernst Du in meinem Kurs Beziehung trotz Erziehung, der im Januar 2017 startet.

Für mich persönlich ist es ein Geschenk, den Ruf der Kinder zu hören. Es ist für mich ein Segen, dass ich immer schneller die Hintergründe zu erkennen vermag und die Werkzeuge erlernt habe, wie ich aus dem Teufelskreis aussteigen kann. Damit hat sich die Beziehung zu meinen Kindern um ein Vielfaches verstärkt und wir brauchen nicht täglich die selben, Nerv zehrenden Szenen zu durchlaufen. Das heisst jetzt auch nicht, dass nicht immer wieder neue Themen auftauchen. Das tun sie. Aber sie sind in der Regel auch schnell wieder gelöst. Übung macht ja bekanntlich den Meister!

Ich würde mir wünschen, dass ganz viele Eltern und Erziehungsverantwortliche den Ruf der Kinder hören und verstehen können. So müssten nicht alle Beteiligten die selben Probleme täglich erneut durchstehen.

In diesem Sinne, herzliche Grüsse

Céline

2 Kommentare
  1. Mimi sagte:

    Was könnte helfen?

    Ich bin für ein Jahr in einer sehr netten und liebevollen Familie.
    Es ist momentan sehr schwierig mit dem Jungen (10), wobei ich auch verstehen kann wieso, aber vielleicht übersehe ich was oder jemand hat eine Idee, wie ich auf ihn eingehen könnte. Wichtig ist zu wissen, der Vater ist vor 1 1/2 Jahren gestorben und nun geht auch noch die Nanny weg, die 7 Jahre jeden Tag da war und ich bin ganz neu und kümmere mich jetzt um die Kinder. Beide Kinder gehen noch einmal die Woche zu einem Psychotherapeuten. Der Junge hat auffällige Probleme in seinem Verhalten, die sich sowohl in der Schule, als auch Zuhause zeigen. In der Schule hat er häufig Ärger mit Lehrern. Zuhause verhält er sich oft provokant, in dem
    Er extra Dinge macht, die er nicht darf. Er isst viel aua Frust. Und er ändert alle paar Sekunden seine Meinung, weil er entweder selbst nicht weiss was er will oder ärgern möchte. Zum Beispiel wollten wir zusammen joggen gehen und das eine mal hat gut geklappt. Heute wollte er aufeinmal doch nicht. Dann meinte ich, dass es schade wäre, weil er doch üben wollte für die Schule. Ich meinte gut, dann gehen wir wieder rein. Dann meinte er er möchte alleine laufen, woraufhin ich meinte, dass ich das erst mit seiner Mutter absprechen müsste, ob er das dürfe. Nach ewigen Diskussionen war er bereit zusammen laufen zu gehen. Nach 10 Metern ist ihm dann eingefallen, dass er sich gestern das Bein verknackst hat. Ein anderes Beispiel war das Mittagessen, er hatte gesagt er wollte das nicht (was er nicht getan hat) und dann wollte die Nanny das der Schwester geben und aufeinmal wollte er es. In ihm steckt viel Wut und er lässt sich durch Kleinigkeiten sofort aus der Ruhe bringen, wird laut oder weint sogar. Er fühlt sich immer ungerecht behandelt. Er hat seine Gefühle nicht unter Kontrolle.. außerdem lügt er sehr viel. Vielleicht weiss jemand, wie man am
    Besten auf ihm eingehen könnte, damit sich das verändert.. und nicht noch schlimmer wird. Er steht sich damit selbst im Weg.

    Liebe Grüße

  2. Céline Schaub sagte:

    Liebe Mimi,
    Vielen Dank für Deine Zeilen und für Deine Offenheit. Irgendwie habe ich es erst jetzt entdeckt, bitte entschuldige die späte Rückmeldung. Also ich finde es ja echt super schön, dass Du so mit dem Thema auseinandersetzt, wo Du einfach ein Jahr dort in der Familie bist. Das ist ja ein super tolles Engagement, mein Wow dafür. Und ich finde es auch so schön, wie Du versuchst dahinter zu sehen und die Zusammenhänge zu erkennen. Sind wir auf Augenhöhe mit den Kindern, dann gibt es keine Standardrezepte, sondern die individuellen Geschichten, Familiensysteme, Eigenanteile dürfen genau betrachtet werden. Deshalb kann ich Dir jetzt auch nicht einen Schlüssel an die Hand geben. In einem Skype Coaching könnte ich mit Dir tiefer hineingehen, doch dafür bräuchtest Du die Mutter mit im Boot. Toll, dass der Junge in psychologischer Betreuung ist, so hat er jemanden an seiner Seite, der ihm mit seiner Trauer hilft. Die viele Wut könnte damit einen Zusammenhang haben zum Beispiel. Wenn es Menschen schwierig fällt ihre Trauer zu leben, dann leben sie das gerne als Wut aus. Sie kann aber auch ganz andere Gründe haben. Er findet vielleicht in der Schule seinen Platz nicht recht, er weiss seit Vaters Tod Zuhause nicht mehr recht was sein Platz ist, er ist aus irgendwelchen Gründen frustriert und entmutigt, oft, er hat Zuwenig oder Zuviel Möglichkeiten zur Autonomie, es geht um unerfüllte Bedürfnisse – da kann so vieles unter dem Eisberg schlummern. Die Wut ist am Schluss nur die Spitze des Eisbergs, die wir zu sehen bekommen.

    Also, konkret: Ich würde Dir vorschlagen, dass Du gut versuchst bei Dir zu bleiben, wenn er so wechselhaft und unentschlossen bist. Was bist Du? Was willst Du? Was stimmt für Dich? Was sind Deine Rahmenvorstellungen? Was könntest Du machen, wenn Du ihn nicht zwingen kannst? So nimmst Du den Fokus zu Dir und er kann dann entscheiden, ob er mit möchte oder nicht. Ist er dann frustriert, weil etwas anders entschieden wurde (wie z.B. das Mittagessen der Schwester gegeben), dann ist das OK. Er darf diese Gefühle aushalten.
    Zum Anderen sehe ich vorallem die Notwendigkeit, ihn in seinen Gefühlen zu spiegeln, wo möglich zu begleiten und ihm aber die Verantwortung dafür zu lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie Gefühle (auch Wut) gewaltfrei ausgelebt werden können. Alle sind notwendig, sie sind Boten die uns etwas mitteilen möchten. Wir dürfen ihre Nachrichten erkennen und sie ziehen weiter. Das ist jedoch hohe Schule, wenn Du mich fragst, und 90% der Erwachsenen beherrschen diese Schule nicht wirklich. Somit dürfen wir auch viel, viel Verständnis und Geduld haben, wenn Kinder dies noch nicht können und Zeit dafür brauchen.

    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, Geduld, Liebe und auch Klarheit. Solltet Ihr Erwachsenen Euch ein Stück von mir begleiten lassen möchten, dann schreibt mir doch eine Email und wir finden einen Skype Termin, wo wir ins WIE eintauchen können.

    Herzliche Grüsse
    Céline

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