Ein gehässiger Tag

Kennt Ihr die Kindergeschichte vom sehr unfreundlichen Krokodil? Nein? Diese Geschichte handelt von einem Krokodil, welches alle anderen Tiere im Dschungel anfaucht „Kommt bloss nicht zu nahe an meinen Fluss. Das ist mein Fluss“. Alle Tiere haben Angst, vor diesem sehr unfreundlichen Krokodil und laufen kilometerweit zu einem anderen Fluss zum Trinken. Eines Tages ist das Krokodil jedoch in Not. Eine mutige kleine Maus hilft dem Krokodil in seiner Not. Sie werden Freunde und das Krokodil ladet eines Tages sogar alle anderen Tiere ein, an den Fluss zu kommen. „Der Fluss gehört doch uns allen“ – viel Leben kehrt von da an am Fluss ein.

Warum ich Euch das hier erzähle? Weil ich manchmal Minuten, Stunden oder sogar ganze Tage habe, in denen ich ein unfreundliches Krokodil bin. Auch meine Kinder haben diese unfreundlichen Krokodil Momente oder Tage. Und ich bin mir sicher, dass jeder Leser solche Tage auch kennt. Ja, könnte das sein?

Und genau diese hier beschriebene Geschichte hilft mir und meinen Mädchen an solchen Tagen, das was Ist in Worte zu fassen, so dass alle verstehen was gerade los ist.

So eine Konversation kann dann zum Beispiel so aussehen…

  • „Oups, ich glaube, ich bin heute Morgen ein unfreundliches Krokodil. Kann das sein?“ (Mama)
  • „Ja, das bist Du!“ (antworten die Kinder prompt)
  • „Bitte entschuldigt, ich weiss im Moment noch nicht was los ist. Auf alle Fälle hat es nichts mit Euch zu tun. Ihr macht alles richtig, es liegt an mir. Vielleicht geht Ihr mir zurzeit lieber ein bisschen aus dem Weg und lasst das unfreundliche Krokodil alleine. Ich hoffe, ich bin bald wieder OK“. (Mama)
  • „OK.“ (Kinder)

oder

  • „Bitte entschuldigt, ich bin gerade etwas unruhig/wütend/traurig/in Sorge wegen etc.! Es hat nichts mit Euch zu tun. Ihr macht alles richtig. Vielleicht mögt Ihr das unfreundliche Krokodil trotzdem mal in den Arm nehmen? Ich glaube, das täte ihm gut.“ (Mama)
  • „Gerne. Wir haben Dich trotzdem lieb, Mama!“ (Kinder)

oder

  • „Kann es sein, dass Du gerade ein wenig ein unfreundliches Krokodil bist?“ (Mama)
  • „Hm, vielleicht.“ (Kind)
  • „Das tut mir leid. Irgendetwas scheint nicht gut zu sein. Weisst Du, was es ist? Bist Du wütend? Traurig? Ist etwas vorgefallen, das Du erzählen möchtest?“ (Mama)
  • „Nein nichts, halt einfach so.“ (Kind)
  • „OK, das gibt’s ab und zu mal. Würde Dir irgend etwas helfen? Möchtest Du kuscheln? Brauchst Du frische Luft oder Bewegung? Wärst Du froh um etwas Zeit und Ruhe für Dich alleine? Oder hast Du eine Idee, was Dir helfen könnte mit diesem unfreundlichen Krokodil?“

Es gibt nicht nur die Geschichte vom unfreundlichen Krokodil. Es gibt unzählige andere tolle Kindergeschichten, welche so eine Thematik haben. Dadurch, dass wir für solche gehässige Momente oder Tage das Synonym des unfreundlichen Krokodils benutzen, können wir unsere Gehässigkeiten oder Unfreundlichkeiten wunderbar in Worte fassen. Keiner fühlt sich angeklagt oder beschuldigt. Wir sprechen quasi über eine dritte Person. Jemand ist zu Besuch und macht das mit uns. Das unfreundliche Krokodil, das kleine Trotzmonster, das Wutmännchen, der gehässige Kobold und viele mehr – das alles sind wunderbare Figuren aus Kindergeschichten, die für sowas gebraucht werden können.

Was in den oben beschriebenen Konversationen geschieht, ist folgendes:

  • Das unangenehme Verhalten wird wahr genommen.
  • Es wird dafür kein Täter angeklagt oder verurteilt, sondern die Schieflage wird einfach nur festgestellt. Sie ist ja da und sie entspricht den Tatsachen. Also dürfen wir sie auch benennen.
  • Durch die Benennung wird die Schieflage angenommen. Sie ist da, sie darf da sein. Das ist OK.
  • Wir versuchen das eigentliche Gefühl heraus zu finden. Die Kinder verstehen, dass es verschiedene Gefühle gibt und lernen, dass diese einen Namen haben (ein enorm wichtiger Lernprozess, um sich selbst gut kennenzulernen und zu wissen, was mit einem los ist). Und wir selbst können es auch für uns selber gemeinsam mit den Kindern üben. Wer ist schon Profi darin, immer genau zu wissen, welches Gefühl nun gerade auf die eigene Laune drückt?
  • Wenn wir dann noch herausfinden können, welches unerfüllte Bedürfnis hinter dem Gefühl steht, wie z.B. „sich ausgeschlossen fühlen, nicht beachtet fühlen, ungeliebt fühlen, Hunger haben, Ruhe brauchen etc.“, ja dann haben wir den Jackpot geholt. Und das schaffen wir nicht ständig, weder für Andere, noch für uns. Aber mit regelmässiger Übung werden wir besser und wir holen den Jackpot immer öfters. Zumindest für unsere eigenen Bedürfnisse.
  • Und dann hören wir auf uns in diesem Problem oder Gefühl zu suhlen und überlegen uns, was diesem unfreundlichen Krokodil jetzt gut tun würde. Eine Umarmung, zusammen ein Buch anschauen, Radfahren oder Joggen gehen, die Wut irgendwo raus hauen, einfach mal im Arm heulen zu dürfen, gemeinsam Muffins backen, und, und, und. Auch dies ist ein so wichtiger Lernprozess. Er fördert das lösungsorientierte Denken bei allen Beteiligten und lehrt uns zu spüren, was uns in welchen Momenten gut tut. Klar, wir finden nicht immer gleich die richtige Lösung. Wir sind auf dem Weg und hin und wieder erreichen wir auch mal ein Ziel :-).
  • Und das Schönste – wir werden gesehen, wahr genommen, gehört, gespürt, geliebt und wir sind OK so wie wir sind! Auch mit einem unfreundlichen Krokodil zu Besuch. Wer von uns Eltern durfte all dies erfahren, auch wenn so ein unfreundliches Krokodil zu Besuch war? Ich wünschte, es wären viele, die diese Frage mit Ja beantworten könnten.

Eigentlich sollten wir dem unfreundlichen Krokodil also dankbar sein. Es gibt uns die Möglichkeit, viel dabei zu lernen. Gegenseitig. Denn ich muss sagen, ich lerne an solchen Tagen wohl genauso viel über mich und über meine Kinder, wie meine Kinder dabei lernen.

Und was denken wir statt dessen meistens? Wir sind ärgerlich, dass das unfreundliche Krokodil zu Besuch ist und wir wünschten es weg. Vielleicht kämpfen wir dagegen an, was jedoch leider meistens den Effekt hat, dass es noch viel länger als nötig bei uns bleibt. Wir schauen nicht wirklich hin und überlegen uns nicht, warum das unfreundliche Krokodil zu Besuch kommt. Das ist uns zu anstrengend. Wir überlegen aber nicht, dass es vielleicht bereits nach 30ig Minuten wieder weg geht, wenn wir es begrüsst haben und ihm Beachtung geschenkt haben. Wenn wir es Missachten, kann sich sein Besuch ins Unendliche ausdehnen. Und, wir plagen uns genau für solche Tage oft mit Schuldgefühlen. Wir fühlen uns also zu allem Übel noch schuldig, dass wir dieses unfreundliche Krokodil (wieder) herein gelassen haben. Dass wir es nicht im Griff hatten und es so unfreundlich zu unseren Liebsten war. Dass wir diese vielleicht dabei verletzt haben oder einfach unfair oder streitsüchtig waren. Diese Schuldgefühle helfen aber auch niemandem, sie bringen vielleicht höchstens noch ein Schuldmonster vorbei als unseren nächsten Besucher.

Also: Bitten wir das unfreundliche Krokodil herein. Sagen wir mal guten Tag und hören genau zu, was es uns zu sagen hat. Vielleicht stellen wir dann fest, dass es gar nicht so unfreundlich ist. Sondern nur gerade einsam oder es eine mutige Maus braucht, welche trotzdem sein Freund ist und sich von seiner Unfreundlichkeit nicht abschrecken lässt. Und dann dürfen wir dieses unfreundliche Krokodil annehmen und es versuchen zu lieben, so wie es ist. Mit seiner Verletzlichkeit, mit seiner eigenen Wahrheit. Wir dürfen es trösten und/oder in seinen Gefühlen begleiten. Gemeinsam nach möglichen Auswegen und Lösungen suchen. Und am Schluss stolz und dankbar auf uns alle sein, dass auch unfreundliche Krokodile bei uns Zuhause einen Platz haben und da sein dürfen. Genau das ist Integration, Keiner möchte ausgeschlossen werden. Das gilt auch für alle unangenehmen Gefühle und für unsere Bedürfnisse.

Herzliche Grüsse an Euch und an alle unfreundlichen Krokodile da Draussen,

Céline

2 Kommentare
  1. Céline Schaub says:

    Liebe Eva, Ich hatte das Buch „Das sehr unfreundliche Krokodil“ bei buch.ch bestellt. Nun sehe ich, sie führen das nicht mehr. Es gibt es aber bei Weltbild (https://www.weltbild.ch/artikel/buch/das-sehr-unfreundliche-krokodil_18563135-1) oder auch bei Lesestoff.ch (https://www.lesestoff.ch/detail/ISBN-9783827051295/Charles-Faustin-Terry-Michael/Das-sehr-unfreundliche-Krokodil). Wenn Du es bei Google eingibst, kommen Dir mehrere Möglichkeiten, wo es das Kinderbuch zu kaufen gibt. Du meinst doch dieses Buch? Es ist wirklich eine tolle Geschichte, finden meine Mädels und ich! Herzliche Grüsse, Céline

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