Angst vor der Schwimmprüfung

Es war ein normaler Tag unter der Woche. Oder eben nicht? Nein, denn heute war Schwimmprüfung fürs Abzeichen beim Kinderschwimmen. Die Kinder tummelten sich aufgeregt im Wasser, die Mamas und Papas teilweise auch aufgeregt auf den Bänken am Rand des Schwimmbeckens. Der Schwimmlehrer ging zuerst Schritt für Schritt nochmals die Prüfungselemente mit seinen Schülern durch.

Und dann begann für Jonas (5J.) das Unheil…

*Jonas war an der Reihe um Diagonal von einem Beckenrand zum anderen zu schwimmen. Das viel ihm nicht leicht und sein etwas übergewichtiger Körper sank in der Mitte ziemlich ab. Der Schwimmlehrer drückte ihn wieder nach oben und korrigierte ihn, wie er es richtig zu machen habe. Das tat der Lehrer mehrmals und dabei murrte er Jonas richtig an. Ja, er war nicht freundlich und verständnisvoll, er war autoritär und auf Drill und mir entging nicht, dass er dabei Jonas sogar mit Worten beschämte und ihn verbal „klein“ machte. Ich war nicht Jonas Mutter. Doch ich war Zuschauerin und mein Mutterherz blutete. Jonas Reaktion darauf war, dass er aus dem Wasser stieg und sich auf die Bank am Beckenrand setzte. Er beginn zu weinen. Nicht laut und auffallend, nein, still und leise vor sich hin. Der Schwimmlehrer versuchte Jonas zu überreden, nochmals ins Wasser zu kommen und es erneut zu versuchen. Jonas wollte nicht. Er schüttelte den Kopf und blieb sitzen. So sass da Jonas, bis seine Tränen versiegten, Resignation in seinem Gesichtsausdruck. Die Klasse machte weiter, ein Kind nach dem Anderen waren sie an der Reihe.

Die Schwimmprüfung beginnt

Nun begann die Schwimmprüfung und alle Übungen wurden nach und nach gemacht. Bisher machten alle Kinder mit, sogar Jonas wagte sich nochmal mutig ins Wasser. Nun kam der Teil der Prüfung, in dem die Kinder auf dem Rücken vom Beckenrand in die Mitte des Beckens schwimmen sollten. Das hatten sie noch nie genau so gemacht. Ist es doch etwas Anderes, auf dem Rücken gen Beckenrand zu schwimmen oder mitten ins offene Waser hinein. In den Gedanken eines Kindes zumindest. Nervös, jedoch brav und artig absolvierten die Kinder diese Aufgabe. Doch Luisa und Jonas, die beiden mochten nicht.

Beide hatten sie Zuviel Angst vor dieser Aufgabe

Nachvollziehbar, wenn Ihr mich fragt, was bei Ängsten ja nicht immer der Fall ist.

Nun passierte etwas Interessantes. Da war *Luisa und ihr Vater. Ihr Vater ging zu Luisa hin, die aus dem Wasser gestiegen war. Er nahm sie in die Arme und sprach leise mit ihr. Ich hörte nicht, was er sagte. Luisa wagte sich darauf hin ins Wasser. Sie schwamm ein paar Züge, kehrte dann voller Angst und rudernd mit den Armen an den Beckenrand zurück. Sie zitterte und weinte und stieg wieder aus dem Wasser. Der Vater ging erneut zu Luisa, nahm sie in die Arme, sprach leise mit Luisa. Sie ging ins Wasser, der Vater setzte sich dieses Mal zu ihr an den Beckenrand. Doch das selbe Spiel wie vorhin. Nach erneutem „trösten, sehen, annehmen“ des Vaters und Luisa, gingen die Zwei gemeinsam ins Wasser. Luisa schwamm und der Vater schwamm neben ihr her. Und WOW, Luisa schaffte es bis in die Mitte des Beckens und zurück. Erleichtert und voller Stolz warf sie sich ihrem Papa in die Arme. Sie hatte es geschafft, sie hat die Schwimmprüfung bestanden. Und noch mehr, sie hat sich ihrer Angst gestellt, sie ist ihr nicht ausgewichen. Und sie hat sie besiegt. Was sie dazu benötigte, war in diesem Fall die Sicherheit und die Präsenz ihres Vaters. Die Beiden hatten gemeinsam eine Lösung gefunden, was für ein tolles Team und bestärkendes Erlebnis, für beide Seiten.

Jonas hingegen kam auch aus dem Wasser. Er setzte sich auf die Bank und weinte erneut. Auch seine Mutter kam zu Jonas. Energisch, laut und schimpfend sprach sie auf ihn ein. Sie setzte Druck auf. Jonas blieb sitzen. Stoisch. Die Mutter ging weg, kam wieder und sprach in der selben Weise mit ihm. Nichts war zu machen, Jonas blieb stur oder ich könnte auch sagen – Jonas blieb sich treu.

Zwei Geschichten – zwei verschiedene Ausgänge

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich möchte hier keines Falls Jonas Mutter an den Pranger stellen. Ihr war das alles sichtlich unangenehm, auch sie war nervös und aufgebracht. Ich kann ihre Gefühle sehr gut nachvollziehen. Und sie reagierte vielleicht, wie sie meistens in solchen Situationen reagierte. Mit Druck. Bestimmt hat sie irgendwann im Leben erfahren, dass man auf Ängste mit Druck reagiert. Und sie konnte in diesem Moment nicht aus ihren Schuhen herausschlüpfen. Und es könnte ja auch sein, dass ihr selbst Druck in solchen Situationen hilft. Dass sie es benötigt, dass ihr jemand Druck aufsetzt, um Ängste überwinden zu können. Doch in diesem Fall war ihr Tun erfolglos, unangebracht und falsch am Platz.

Was können wir mit Ängsten tun?

  • Wir können sie zuerst einmal sehen. Wertfrei, wenn’s geht. Ein simples „Aha, da ist Angst“, reicht schon dafür.
  • Wir sollten genau dieses Gefühl beim Namen nennen. Das ist wichtig, denn kleine Kinder kennen die Welt der Gefühle noch nicht. Sie fühlen einfach ein „Gnusch im Bauch“. Wenn wir ihnen für dieses „Kuddelmuddel“ im Bauch Worte geben, dann lernen sie etwas darüber. Sie können es zuordnen. Das sprechen über die Gefühle sollten wir schon in Momenten üben, in denen diese nicht vorhanden sind. Hierfür gibt es eine Menge tolle Bücher und ich persönlich mag den Stimmungsflip von ProJuventute sehr.
  • Dann dürfen wir diesen Gefühlen einfach Raum und Zeit schenken und unsere volle Aufmerksamkeit, Präsenz, Liebe und Annahme. Und mit all dem schaffen wir es, die Gefühle nicht von uns weg zu trennen und sie auszuschliessen. Nein, wir schaffen damit die Integration dieser Gefühle. Und ich bin überzeugt, dass nicht nur Menschen, sondern auch Gefühle integriert und zugehörig sein möchten. Ansonsten können auch die Gefühle Fehlverhalten zeigen, wie auch Menschen.
  • Sehr gut kann dies gelingen, indem wir das Gefühl im Körper lokalisieren. Wo sitzt es? Wie fühlt es sich dort an? Dort dürfen wir unseren Atem hinschicken. Um Gefühlen Raum zu geben, dürfen wir einfach Atmen. Bewusst atmen. Und wissen, dass dieses Gefühl zwar da ist. Es jedoch nur ein kleiner Teil von uns ist. Dieser Teil sind nicht wir. Wir sind nicht die Angst. Wir sind nicht die Wut. Die Angst ist da. Doch da sind auch Teile in uns, die nicht befangen sind. Die bewusst sind und die Kontrolle haben.
  • Nach all diesen Schritten, können wir uns auch fragen, was die Botschaft dieses Gefühls ist. Was möchte uns diese Angst, die Wut, die Trauer, die Scham, die Schuld etc. sagen? Sie sind allesamt wichtige Boten, die nicht grundlos auftauchen. Sie möchten uns IMMER etwas sagen. Sie sind alle zu unseren Gunsten da, auch wenn sich das im Moment nicht so anfühlt. Das können wir aber auch in Ruhe im Nachhinein tun, sollten solche Gefühle in ähnlichen Situationen wiederkehrend sein. Hier helfen genaues Hinschauen und Analysieren auf alle Fälle, denn hier sind Schlüssel für Veränderung und Auflösung zu finden.
  • Nun ist es wichtig, dass wir uns fragen: „WAS JETZT“? Was brauchst Du, um mit dieser Angst umzugehen? Was brauchst Du, um die Situation meistern zu können? Was brauchst Du zur Unterstützung? Was könnte Dir die notwendige Sicherheit geben? Könnten wir in kleinen Schritten üben? Kann ein Mensch Dich an der Hand nehmen? Mir selbst half es z.B. vor dem Start in die Berufslehre, dass meine Mama mit mir den Weg zum neuen Geschäft vorab mit den ÖV gefahren ist. Das gab mir schon die benötigte Sicherheit, dass wenigstens der Weg, die Zugfahrt dahin etc. bereits bekannt sind. Das war eine kleine, aber äusserst wichtige Hilfe für mich damals.

Dies ist ganz grob beschrieben, was wir mit Ängsten oder anderen „unerwünschten“ Gefühlen tun können. Ich hoffe, Jonas wird dieses Erlebnis gut verkraften. Ich wünsche ihm sehr, dass es Menschen in seinem Leben gibt, die ihn unterstützen und ermutigen. Reicht doch oft schon EIN EINZIGER ermutigender Mensch in unserem Leben, um Resilienz (Widerstandskraft) zu entwickeln. Zum Glück.

Herzliche Grüsse

Céline

Ps: Es gibt Gefühle wie Angst, Wut, Trauer etc. – die Dich in für Dich beschäftigen und Dir das Leben schwer machen? Du möchtest gerne mal genauer hinsehen und einen Umgang damit finden? Diese in Dein Leben integrieren, so dass sie nicht mehr störend oder gar zerstörend auf Dich und Dein Umfeld wirken? Ich freue mich, wenn ich Dich dabei begleiten darf. Schau mal hier vorbei.

*Namen sind fiktiv und frei erfunden!

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