Mama – ich bin jetzt ein Schulkind

Liebe Mama,

Zwei Jahre ging ich in den Kindergarten. Das hat mir manchmal viel Spass gemacht und manchmal weniger. Auf alle Fälle habe ich mir 2 Jahre lang die grossen Kinder angeschaut. Die SCHÜLER. Wow, die waren so gross und sie gingen in die Schule. Ich habe sie beobachtet, ich habe ihren Erzählungen gelauscht. Ich kenne aus unserem Freundes- und Familienkreis Schüler. Die können sogar schon lesen, schreiben, rechnen und sonst noch so vieles. Und sie erzählen von der Schule. Wir haben auch schon Rollenspiele mit ihnen gemacht, in dem ich Schülerin war. Und jetzt, heute, bin ich endlich auch eine Schülerin – und zwar eine ECHTE. Wow, ich bin so unglaublich stolz darauf, zu den Grossen zu gehören, zu den Schülern zu gehören.

Letzthin hat mir ein Mädchen gesagt, ich solle mich im Fall nicht auf die Schule freuen, die sei total doof. Aber ich höre nicht auf die, das kann ja gar nicht sein. Ich für meinen Teil auf jeden Fall freue mich schon soooo fest darauf. Alle Erwachsenen tun auch so bedeutend, wenn es um die Schule geht. Sie fragen mich, ob ich mich freue und sie wünschen mir alles Gute zum Schulstart. Und einen Schüler Thek durfte ich mir auch schon aussuchen. Ewigkeiten schon steht dieser in meinem Zimmer und jetzt, heute, darf ich ihn endlich tragen.

Hm, also klar, ich bin auch aufgeregt, nervös und unsicher. Was bedeutet Schule denn eigentlich? Wird es mir da wirklich gefallen? Wie sind wohl meine Klassen-Gspänlis? Sind sie nett? Neben wem sitze ich? Und neben wem habe ich die Garderobe? Was muss ich alles mitnehmen und findet mich die Lehrerin oder der Lehrer wohl nett? Ja also letzten Abend war es echt schwierig einzuschlafen. An so vieles musste ich denken, an so vielem rumstudieren, in meinem Bauch grummelte es gewaltig. Und heute Morgen war ich schon früh wach. Putzmunter, voller Aufregung. So als wäre es mein Geburtstag, Ostern oder Weihnachten. Speziell halt eben.

Ja Mama, zum Glück begleitest Du mich heute an diesem ereignisreichen Tag. Danke, dass Du stolz auf mich bist, dass ich jetzt ein Schulkind bin. Denn ich bin auch stolz auf mich, unglaublich stolz sogar. Und Mama, ich spüre da aber auch immer wieder, dass Du irgendwie unsicher bist, dass Du Angst hast…

… ob es mir in der Schule denn auch gefallen wird.
… ob ich in der Schule Freundinnen finden werde.
… ob dort ein Druck ist und ob ich diesem stand halten kann.
… ob ich dort in gute Hände komme, so ausser Haus, ohne, dass Du mich beschützen und schützen kannst.
… ob ich mich zu wehren weiss, wenn mir jemand Schlechtes will.
… ob ich das mit den Hausaufgaben packe, ob ich die Planung im Griff haben werde, ob mir diese Zuviel Freizeit wegnehmen, ob mir die Hausaufgaben schwierig fallen werden.
… ob Dir das mit den Hausaufgaben gelingen wird oder ob es Dir schwierig fällt, mich damit zu begleiten.
… ob Du mit dem ganzen Schulsystem, den Vorschriften, den Lehrergesprächen etc. zurecht kommen wirst.

Ja Mama, ich habe eigentlich keine Worte für Deine Ängste und Unsicherheiten, ich weiss nicht, was in Deinem Kopf abgeht. Aber ich spüre sie, denn ich spüre eigentlich Alles von Dir, auch wenn Du es nicht sagst. Und ich möchte Dir sagen, dass Du keine Angst haben brauchst. Denn dies ist nicht Deine Geschichte. Egal ob Du gute oder schlechte Erfahrungen mit der Schule gemacht hast, mit den Lehrern und Lehrerinnen, mit den Klassenkameraden, mit der Pause, dem Schulweg, dem Turnen, dem Singen, und, und, und. Das sind alles Deine Erfahrungen, sie gehören in Deinen Rucksack.

Aber das hier sind meine Erfahrungen. Mein eigener Rucksack zum Thema Schule, Schulkinder, Schulhaus und Lehrer ist noch leer. Ein unbeschriebenes Blatt sozusagen. Darum bitte ich Dich:

  • Schmeiss alle Deine Sorgen über Bord.
  • Fühle Dich leicht und frei.
  • Behalte Deine eigene Geschichte in Deinem Rucksack, übertrage sie nicht auf mich.
  • Sei stolz und freue Dich einfach aus ganzem Herzen für und mit mir.

Denn heute, schreibe ich meine eigene, ganz unbelastete Schulgeschichte.

Ach ja, fast hätte ich das vergessen: Für Dich ändert sich durch meinen Schuleintritt so einiges. Für mich auch, sehr viel sogar. Und so viel Neues wühlt mich manchmal auf. Es kann gut sein, dass ich wegen Kleinigkeiten weinen, wüten, schimpfen oder trotzen werde, in den nächsten Tagen und vielleicht sogar Wochen. Bitte sei so gut und sei noch verständnisvoller als sonst für diese „Ausbrüche“ von mir. Vielleicht muss auch mal das „falsche Mittagessen“ dafür her halten, dass ich meinen Launen so richtig Luft machen kann. Aber weisst Du, das hat nichts mit all dem zu tun. All das Neue ist einfach manchmal so anstrengend und aufwühlend für mich. Irgendwo müssen meine Emotionen raus und wo sonst, als bei Dir, in meinem sicheren Hafen? Sei einfach geduldig und verständnisvoll mit mir. Bleibe bei mir und begleite mich in meinen Gefühlen oder schenke mir Raum für mich Alleine, wenn ich das brauche. Du weisst genau, was mir gut tut, versuche mir das jetzt noch mehr zu geben als sonst. Sei Dir gewiss, dass ich bei Dir weine und wüte, weil ich Dich so sehr liebe. Weil ich Dir vertrauen kann. Weil ich weiss, dass das bei Dir Platz hat und ich trotzdem noch dazugehöre und von Dir immer geliebt bin.

Und vielleicht, gehe ich auf wie eine wunderschöne Blume. Das wäre doch toll?!

Mama, ich bin jetzt ein Schulkind. Lass mich ein Stück ziehen, die Welt erkunden. Und schenke mir den sicheren Hafen und Rückzugsort bei Dir zu Hause. Ich bin jetzt ein Schulkind. Und, ICH LIEBE DICH!

Dein Kind

1 Antwort
  1. Gygax Sabrina says:

    Einfach nur WOW! Absolut treffend, gefühlsecht und wunderschön geschrieben! Vielen herzlichen Dank liebe Céline 😘

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