Mami, ich wünsche mir von Dir…

Liebe Mami

Auch wenn ich nicht alles so gut in Worte fassen kann wie Du es vermagst, so nehme ich doch alles wahr und spüre auch alles Unausgesprochene. Vielleicht spüre ich es sogar besser als Du, denn mein Gespür ist noch voll präsent und wird nicht über den Kopf verdreht oder mit Entschuldigungen erklärt. Die Atmosphäre, die bei uns zu Hause herrscht, diese atme ich ein. Immer. Sie durchdringt mich bis in meine Finger- und Zehenspitzen.

Ich spüre und ich liebe Dich und Du bist ein grosses Vorbild für mich. Ich schaue mir von Dir ab, wie das Leben funktioniert. Nicht, was Du zu mir sagst. Also das auch ein bisschen. Aber vor allem Deine Art und Weise, wie Du Dein Leben gestaltest. Du zeigst mir, was Frauen sind. Wie Frauen über die Männer denken. Wie Mütter über Kinder denken. Wie Du über Arbeit denkst. Was Frauen für Hobbies haben. Wie Erwachsene miteinander umgehen und wie mit Kindern umgegangen wird. Und dann, irgendwann, wenn ich gross bin, dann beginne ich all das Erspürte und Erlebte mit meinem Verstand wahr zu nehmen. Ich werde mich fragen, was ich davon toll finde und was nicht. Was ich gerne beibehalten möchte und was nicht. Hm, und auch Dinge, die ich nicht gut finde, werden sich in mir eingebrannt haben. Diese Weichen darf ich dann versuchen neu zu stellen. Täglich aufs Neue.

Und weil Du so ein grosses und wichtiges Vorbild von mir bist, wünsche ich mir:

  • Dass Du zufrieden bist! Bitte versuche Deinem Herzen zu folgen. Dein sonstiges Leben hört nicht mit dem meiner Geburt auf. Es geht weiter. Du hattest vorher eigene Interessen, eine Aufgabe ausser Haus, eigene Freunde, eine Beziehung mit Papi. Bitte lebe Dein Leben auch jetzt weiter. Ich möchte nicht irgendwann die grosse Last der Schuld tragen müssen, weil Du das ALLES nicht mehr leben konntest, wegen mir! Diese Last ist zu schwer für mich und diese möchte ich nicht tragen. Also LEBE BITTE DEIN LEBEN! Und versuche, mir Dein Leben zu zeigen. Denn da bist Du Zuhause. Und wo Du Zuhause bist, da gefällt es auch mir.
  • Dass Du Dir Auszeiten nimmst. Früher konntest Du am Abend nach der Arbeit Deinen Hobbies nachgehen und auch am Wochenende. Klar, Du musst auf einiges verzichten müssen, während ich ganz klein bin. Ich brauche Dich halt schon sehr viel, solange ich ein Baby und ein Kleinkind bin. Ich brauche Deine Fürsorge, Deine Zärtlichkeit, Deine ungeteilte Aufmerksamkeit, Deine Hilfe und ganz viel Liebe. Und dann brauche ich auch noch ganz viel Essen und Schlaf. Das braucht Zeit und Ressourcen von Dir, das weiss ich. Und trotzdem – wenn ein liebevoller Bekanntenkreis in der Nähe ist, dann darfst Du mir auch gerne mal zumuten, dass ich zu anderen lieben Menschen gehen darf, damit Du mal Zeit hast für Dich. Du brauchst nicht alles alleine zu machen. Im Gegenteil, ich brauche es sogar, dass ich auch zu anderen lieben Menschen eine wertvolle Beziehung aufbauen kann. Denn stell Dir vor, es gibt nur Dich und mich. Was machen wir denn, wenn einer von uns irgendwann mal von dieser Erde geht? Das wäre ja schrecklich. Es tut mir gut, mit mehreren lieben Menschen eine Beziehung aufbauen zu können. Und auch Papi ist für mich sehr wichtig! Dadurch lerne ich verschiedene Arten, das Leben zu meistern. Ich lerne verschiedene Weisen, Beziehung zu leben und das macht mein Leben reicher! Und Du, Du hast dafür mal Zeit für anderes und freust Dich nachher noch mehr, mit mir Zeit zu geniessen.
  • Dass Du ehrlich zu mir bist und über Deine Gefühle sprichst. Du brauchst nicht immer lieb mit mir zu sein. Ich kann es schon vertragen, wenn ich auch mal weiss, dass Dich etwas wütend macht. Aber sag es mir bitte respektvoll und mache mich nicht klein, sollte es mal wegen mir sein. Wenn ich weiss, dass Du heute einen schlechten Tag hast, dies aber nichts mit mir zu tun hat, dann tut mir das weniger weh, also sage mir das bitte. Denn wenn Du nichts sagst und einfach hässig oder traurig bist, dann meine ich, dass ich etwas falsch gemacht habe und Du wegen mir einen schlechten Tag hast. Ja genau, so ist das mit uns Kindern. Wir denken, dass alles wegen uns ist. Wenn Dich mal etwas traurig macht, dann ist es für mich einfacher, wenn Du mir das zeigst und sagst. Vielleicht darf dann ausnahmsweise ich Dir mal über den Rücken streicheln, Dich in den Arm nehmen, Dir einen Tee bringen oder sonst etwas Gutes tun? Weisst Du, auch ich kümmere mich gerne mal um einen Menschen, den ich so sehr liebe wie Dich!
  • Dass Du genau der Arbeit nachgehst, die Du gerne machst. Wenn Dich die Hausarbeit nicht glücklich macht, dann spüre ich das. Und irgendwann ziehe ich weiter und lebe mein eigenes Leben. Ich kann nicht immer bei Dir bleiben oder sogar Dein Leben für Dich leben. Also arbeite bitte das, was für Dich stimmt. Wenn das die Arbeit zu Hause ist, dann freut es mich natürlich riesig. Denn dann kann ich noch mehr Zeit mit Dir verbringen und wir können viele schöne Stunden gemeinsam wirken und gestalten. Wenn es aber nicht die Arbeit zu Hause ist, dann sei doch bitte ehrlich zu Dir selbst. Denn ich möchte eigentlich schon wenn ich klein bin, mein eigenes Leben leben können und frei sein!
  • Dass Du mit Papi zusammen bist, wenn Ihr zusammen auch zufrieden oder sogar glücklich seid. Denn Ihr lebt mir vor, wie eine Beziehung zwischen zwei Liebenden funktioniert. Wenn Ihr zusammen nur Eiszeit lebt oder ständig Machtkämpfe ausübt und nur mir zuliebe zusammen bleibt, dann finde ich das schrecklich. Klar, ist mein grösster Wunsch, dass Mami und Papi für immer zusammen sind und sich lieben. Aber richtig, ich wünsche mir vor allem, dass Ihr Euch liebt und dass Ihr glücklich seid. Dass Ihr respektvoll miteinander umgeht, dass Ihr Eure Konflikte gemeinsam lösen könnt, dass Ihr gute Gespräche zusammen führt, Spass habt und auch mal Zeit zu Zweit verbringt. Durch dieses Zusammenleben und vielem mehr erkenne ich, wie eine Beziehung funktionieren kann. Und ich darf an Eurem Vorbild lernen.
  • Dass Du mir Deine ganz eigene, innere Welt zeigst. Dass Du mir zeigst, was Dir Freude bereitet. Was Dein Herz begehrt. Für was Du Feuer und Flamme bist. Du glaubst ja gar nicht, wie sehr Du dann strahlst liebe Mami und wie kraftvoll Du dann bist. Genau das liebe ich am allermeisten an Dir und ich könnte stundenlange mit Dir so Zeit verbringen.
  • Dass Du bereit bist, auch in meine innere Welt zu kommen. Dass Du schaust, für was ich brenne, was mir Freude bereitet. Und dass Du genau diese mit mir teilst. Ich kann Dich vielleicht auch so mitreissen, wie Du mich. Und es macht mich einfach so wahnsinnig glücklich, wenn ich meine Welt mit Dir teilen darf. Wenn Du Dich wirklich und echt dafür interessierst. Denn weisst Du Mami, meine Welt sieht anders aus, als die Deine. Ich bin keine Miniatur-Ausgabe von Dir. Ich bin Ich! Und ich habe eigene Wünsche, eigene Interessen und einen eigenen Charakter. Ich bin Ich! Ich wünsche mir, dass Du mich siehst und dass Du mich so OK findest wie ich bin!
  • Dass Du mir Grenzen setzt. Ja genau, Du hast schon richtig gehört. Nicht irgendwelche, willkürliche Grenzen. Diese finde ich total doof und da werde ich rebellieren was das Zeugs hält. Denn die Unechten spüre ich auf Anhieb heraus, darauf kannst Du Dich verlassen. Auch Grenzen die kommen aus „weil man es so macht“ – auch diese sind unecht für mich. Ich möchte DEINE Grenzen spüren. Diese geben mir Halt und Sicherheit. Denn durch diese lerne ich Dich besser kennen. Ich weiss, was Deine Werte sind, was Dir im Leben wirklich wichtig ist. Wofür es sich im Leben zu kämpfen lohnt. Und ich weiss, wann ich zu weit gehe. Wenn Du es schaffst, mir diese anständig mitzuteilen, dann verspreche ich Dir, dass ich versuche, diese zu respektieren. Aber bitte Mami, auch ich habe Grenzen. Denn ich bin Ich und ich bin anders als Du. Bitte versuche auch meine Grenzen zu respektieren, denn ich habe genauso ein Anrecht darauf wie Du.
  • Dass Deine Bedürfnisse Zuhause Platz haben. Aber auch die Meinen. Ich möchte so gerne lernen zu teilen, zu führen, mich anzupassen, zu nehmen, zu geben, Lösungen zu finden und im Dialog mit Dir zu stehen. Hilf mir dabei, denn Du kannst schon so viel davon. Zeig mir bitte wie das Aushandeln und Lösungen finden funktioniert. Ich übe das am liebsten mit Dir und den anderen Familienmitgliedern.

Ja Mami, all das wünsche ich mir von Dir und noch viel mehr. Ich könnte es auch kurz ausdrücken:

Du bist für mich ein Vorbild, wenn Du die Verantwortung für Dein eigenes Glück übernimmst. Denn ich kann Dich nicht glücklich machen, das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich kann nicht Dein Leben und Deine Träume für Dich leben, ich muss mein eigenes Ding machen. Bitte gehe also nicht in die Selbstaufgabe und mache alles mir Zuliebe. Diese Verantwortung möchte ich nicht tragen. Und ich möchte irgendwann weiter ziehen und mich nicht mehr von Dir begleiten und anleiten lassen müssen. Ich möchte irgendwann auf eigenen Beinen stehen können. Und wenn Du vorher schon die Verantwortung für Dein eigenes Glück übernimmst, dann wird uns beiden dieser Schritt viel einfacher fallen. Und das Wichtigste ist, dass Du mir durch Dein Vorleben zeigst, wie das funktioniert. Damit räumst Du mir unzählige Steine aus meinem Leben. Viel mehr, als wenn Du mir in allem die Verantwortung abnimmst und statt dessen versuchst, meine Steine für mich aus dem Weg zu räumen.

Ob das alles für Dich einfach ist? Bestimmt nicht! Aber Mami, ich glaube an Dich! Du darfst Dich auf den Weg machen, denn der Weg entsteht im Gehen! Ich liebe Dich und ich gehe diesen spannenden Weg Seite an Seite mit Dir, bis mein eigener Weg mich von Dir fort führt. Und ich weiss, dass unsere Wege immer wieder zusammen führen werden.

Darum: Sei mein Vorbild und schenke mir Deine Liebe und Deine Liebe! Wie recht der Pestalozzi mit seinem Spruch doch hat!

Von Herzen und in Liebe,

Dein Kind

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