Mein Kind läuft weg oder fährt mir davon

Es ist ein sonniger Tag und Mama Lucy ist mit ihrer Tochter Marie (3 Jahre) unterwegs. Lucy ist zu Fuss und Marie ist mit dem Laufrad und der Herbst leuchtet ihnen mit seinen strahlenden Farben leuchtend ins Gesicht. Die Stimmung ist gut, sie geniessen die Herbstsonne und die frische Luft. Doch Lucy fühlt sich innerlich auch etwas angespannt. Klappt es heute mit Marie? Bleibt sie mit dem Laufrad immer schön in ihrer Nähe oder fährt sie ihr wieder davon, wie so oft in letzter Zeit? Das ist nämlich für Lucy super mühsam. Sie spürt dann, wie sich je nach Ort die Angst in ihr breit macht. Was ist, wenn Marie an der nächsten Strassenkreuzung nicht anhält? Sie schaut noch kaum auf den Verkehr und sie kann auch die möglichen Folgen ihres Handelns (einfach über die Strasse fahren) noch nicht abschätzen. Hier ist Lucy also in ihrer Verantwortung gefragt und sie liebt ihr Kind und möchte das Kind und sich selbst vor möglichem Unheil bewahren. „Ist doch klar und logisch oder?“ Doch es ist Lucy auch wichtig, dass Marie ihre eigenen Erfahrungen machen darf und sie mag das Freiheitsgefühl und den Entdeckungsdrang ihrer Tochter. Ist doch einfach schön, dass Marie sich mutig und lebensfreudig in die täglichen Abenteuer stürzt und nicht dauernd an Mutters Rockzipfel hängt. Wenn Marie sich zu Fuss oder mit dem Laufrad auf einem Feldweg zu weit weg begibt, dann ist das ja auch nicht so schlimm. Passiert dies aber am Flughafen, in einem Einkaufszentrum oder eben im Dorf nahe den Strassen, dann bringt das Lucy schon mal arg ins Schleudern. Alle möglichen Ängste kommen hier hoch. Was, wenn Lucy nicht rechtzeitig bemerkt, dass Marie sich zu weit von ihr fortbewegt und sie sie dann nicht mehr einholen kann? Was, wenn Marie nicht mehr zurück findet und dann nicht mehr weiss, wo ihre Mami ist? Wie schrecklich. Lucy kann sich noch gut an so einen Schreckensmoment in ihrer eigenen Kindheit erinnern. Das war wirklich eine Szene wie im Horrorfilm, vor solch einem Erlebnis möchte sie ihre Tochter unbedingt beschützen. Und was, wenn sich dann eben Marie in eine Gefahr begibt wie eine Strasse, das Band am Flughafen wo die Koffer drauf sind oder sonst etwas? Nicht auszudenken.

Ja, alle möglichen Ängste, Befürchtungen und Gedankenszenarien kommen da hoch! Kennst Du solche?

Was nun?

Ja was nun? Lucy ist eine bewusste, achtsame und belesene Mutter. Sie hat sich schon über viele Themen informiert und sie möchte ihr Kind auf keinen Fall zwingen, denn das scheint ihr nicht der richtige Umgang. Sie möchte auch nicht künstliche Macht anwenden und ihr Kind in ein Korsett nach ihren Vorstellungen drücken. Strafen und Belohnungen sind ihr ebenfalls ein Gräuel, damit drückt sie das Kind entweder herunter oder sie manipuliert es. Lucy ist eben Gleichwertigkeit, Respekt und ein Miteinander wichtig. Und doch weiss sie auch, dass es ihre Aufgabe ist zu führen. Und dies ist sind Momente, in denen sie definitiv führen möchte und muss. Doch da all die oben genannten Möglichkeiten weg fallen und Marie ihr einfach nicht zuzuhören scheint und sich an keine Regel hält, fühlt sie sich da echt manchmal hilflos und machtlos. Wie kann es denn dann gehen?

Lucy kann…

  • …bevor sie an einen Ort gehen, an dem Marie bei ihr bleiben sollte, das mit ihr besprechen. Sie kann Marie mit einer Ich-Botschaft ihre Herzensnachricht mitteilen. Für dieses Gespräch begibt sich Lucy auf Augenhöhe und fasst Marie ev. sanft an der Schulter an. Sie schaut ihr in die Augen und sie könnte z.B. sagen: „Marie, hör mir bitte gut zu. Wir bringen gleich die Oma an den Flughafen. Am Flughafen möchte ich, dass Du mir die Hand gibst und die ganze Zeit gut bei mir bleibst. Manchmal, läufst Du einfach wo hin, wenn Du etwas spannendes siehst. Am Flughafen geht das nicht, denn da sind so viele Menschen, da sehe und finde ich Dich ganz schnell nicht mehr. Und dann mache ich mir Sorgen, dass wir uns nicht mehr finden und Du Angst bekommst, wenn Du mich suchst. Deshalb darfst Du die ganze Zeit bei mir bleiben. Wenn Du etwas ansehen möchtest, dann sagst Du es mir und wenn es geht, gehen wir gemeinsam. Schaffen wir das?“

    Die Regeln an speziellen Orten dürfen vorab ganz klar mitgeteilt und geklärt werden. Wenn Marie zweifelt, dass sie das schafft, dann können Mutter und Kind gemeinsam überlegen, was Marie braucht, damit sie das schafft. Viele Dinge geschehen, weil den Kindern die Erwartungen der Eltern gar nicht bewusst sind oder diese zu wenig klar formuliert sind.

  • …ihrem Kind immer wieder sagen, dass sie seine Gedanken nicht lesen kann, dass Marie ihre Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse laut mitteilen soll! Ein Kind unter 4-5 Jahren kann noch keinen Perspektivwechsel machen. Das heisst, es versteht nicht, dass wir seine Gedanken nicht lesen können. Wenn es dann irgendwohin läuft, weil es etwas spannendes sieht, dann realisiert es gar nicht, dass Mama das nicht weiss. Denn es meint, dass Mama seine Gedanken kennt. Dieses Bewusstsein hilft Lucy, dass sie weiss, dass Marie das nicht extra macht und es einfach noch nicht besser kann. Es hilft ihr, geduldig zu bleiben, die notwendige Empathie aufzubringen und Marie bei diesem Entwicklungsschritt lange zu begleiten.
  • …mit Marie ganz klare Treffpunkte abmachen. Oftmals sagen Eltern „Fahr bitte nicht zu weit weg. Du musst mich immer noch sehen können.“ Das ist zwar toll, aber stell Dir mal vor, das Gehirn des Kindes muss nun ständig daran denken, dass es sich wieder umdrehen soll um zu sehen, ob es Mami oder Papi noch sehen kann. Verständlich oder, dass hier das Hirn auch mal abschaltet und sich aufs Laufrad fahren konzentriert oder auf sonst etwas und sich eben nicht umdreht. Was hier helfen kann, sind klare Treffpunkte, wie z.B. „Beim gelben Auto da vorne wartest Du auf mich!“ „Beim grünen Container dort bleibst Du stehen bis ich bei Dir bin.“ Lucy kann dann auch Marie fragen: „Wo wartest Du als nächstes auf mich?“ So kann Marie mit entscheiden und findet es vielleicht sogar super toll, dass sie so viel Verantwortung für diese Entscheidung übernehmen kann. Ist Marie’s Vorschlag Lucy zu weit weg, kann sie dann auch sagen: „Oh nein Schatz, das ist mir zu weit weg. Da ist mir nicht wohl bei der Sache. Aber was sagst Du zu XY?“
  • …Marie ermutigen, wenn es klappt. Das können z.B. sein: „Danke, dass Du auf mich gewartet hast.“ / „Danke, ich schätze es sehr, dass Du Dich so toll an unsere Abmachung haltest.“ / „Ich geniesse diese Ausflüge mit Dir sehr, wenn Du Dich so schön an unsere Abmachung hälst.“ / „Hey, Du hast Dir so Mühe gegeben heute. Es hat schon 2 Mal geklappt, da kannst Du echt stolz auf Dich sein. Und morgen, da schaffst Du noch mehr, davon bin ich überzeugt.“
    Alles im Sinne: Erwische mich, wenn ich gut bin!
  • …Übungsmöglichkeiten einbauen. Sie kann speziell mit ihrer Tochter Übungsfelder einplanen, wo es nicht gleich so schlimm ist, wenn Marie sich nicht an die „Regeln“ hält. Das heisst, vermehrt z.B. an Orte gehen mit einigen Menschen, aber dort, wo sich beide wohl fühlen und gut auskennen. So ist es nicht gleich so beängstigend, wenn Marie sich nicht an die Abmachung hält und sie realisiert, dass sie Mami nicht mehr sieht. Wenn Mami Marie dabei noch im Blickfeld hat, kann sie sofort reagieren und die „Schreckenssekunde“ auflösen.
  • …“Was wenn Gespräche“ führen. Z.B. „Marie, sollten wir uns aus irgendeinem Grund in diesem Kaufhaus verlieren, dann kommst Du bitte hier zurück an diese Kasse. Du sagst der Verkäuferin Deinen Namen und sie ruft mich aus. Und dann wartest Du hier auf mich.“ Solche „Was wenn“ Gespräche geben auf beiden Seiten Sicherheit und das Kind lernt neben bei auch, dass es in Situationen nicht einfach hilflos ausgeliefert ist, sondern dass es Lösungen gibt.
  • …Logische Folgen vereinbaren. Wenn alle Gespräche, Ermutigungen etc. nichts nützen und es ein Thema ist, bei dem Lucy Sicherheit und Führung vor Freiheit gehen, dann kann sie eine logische Folge mit Marie vereinbaren. Das könnte z.B. sein: „Stopp Marie, Du hast Dich nicht an unsere Abmachung gehalten und bist über den Treffpunkt gefahren. Das geht für mich nicht! Ich habe Angst, Dich könnte an der Strasse ein Auto verletzen. Ich erwarte von Dir, dass Du Dich an unseren Treffpunkt hälst. Machst Du das nicht, kommt das Laufrad für den Rest des Weges zu mir und Du darfst mit mir laufen!“
    Wenn dann Marie über den nächsten Treffpunkt hinaus fährt und ihre Mami verschmitzt anlächelt, dann lässt Lucy die logische Folge eintreten. Sie entwendet Marie klar und bestimmt das Laufrad und sagt ihr, dass das Laufrad für den Rest des Weges bei Mami bleibt. Sie kann dabei freundlich und standhaft bleiben. Marie wird vielleicht wütend oder traurig über diese Situation. Das ist OK, diese Gefühle dürfen sein. Nun darf Lucy die Gefühle von Marie begleiten. „OK, ich sehe Du bist wütend! Das verstehe ich.“ „Hm, ich verstehe, das macht Dich jetzt echt traurig. Das ist OK.“ Lucy gibt dem Kind mit seinen Gefühlen den Raum, den diese im Moment brauchen. Sie fühlt sich für die Gefühle des Kindes nicht verantwortlich, sie will sie nicht verhindern, diese Gefühle machen sie selbst nicht wütend oder traurig und sie versucht sie auch nicht schön oder weg zu reden oder sie dem Kind wegzunehmen. Sie lässt die Gefühle einfach zu. Ich sage dem gerne, dass wir uns „auf die Seite des Kindes stellen“. Das bedeutet, dass wir in der Sache anderer Meinung sind, die Gefühle des Kindes jedoch verstehen und respektieren. Und genau darum unterscheiden sich die richtig angewandten logischen Folgen eben auch entscheidend von Strafen. Die Haltung ist eine komplett andere. Die Haltung lautet, dass das Handeln, die Tat des Kindes vom Erwachsenen nicht akzeptiert wird. Aber das Kind, als Person, ist IMMER geliebt und in Ordnung. Es folgt kein „Ich habe es Dir doch gesagt!“ „Na siehst Du, das hast Du jetzt davon.“ Das sind alles Aussagen, in denen wir die Kinder klein machen und runter drücken, um selbst grösser zu erscheinen. Darum geht es bei den logischen Folgen nicht. Wir können sie also AUSSCHLIESSLICH anwenden, wenn wir selbst nicht in Emotionsladungen verstrickt sind und innerlich ruhig und besonnend sind, voller Anerkennung, Wertschätzung und Liebe. Wir begleiten das Kind in einem Lernschritt.
    Eine logische Folge kann auch sein, dass wir vom Spielplatz nach Hause gehen, wenn das Kind mir vom Spielplatz einfach davon läuft und sich dort entfernt. Zuhause verbringen wir dann aber auch eine schöne Zeit zusammen. (Apropos, hier darf auch vorher klar abgemacht werden, bis wo der Spielplatz geht. Wieso nicht zuerst mit dem Kind die Markierungspunkte ablaufen? „Bleib auf dem Spielplatz“ ist einem kleinen Kind oft viel zu unklar.)
  • …ihre Erwartungen positiv formulieren. Oft sagen wir Dinge wie: „gehe NICHT vom Spielplatz weg“, „fasse NICHT an den Fernseher“ usw. Das Wort NICHT kann unser Unterbewusstsein jedoch nicht aufnehmen, das wird weg radiert. Und bei den kleinen Kindern ist das noch der Fall, das Wort NICHT wird bei ihnen einfach weg radiert. Es ist darum so wichtig, dass Lucy Marie genau sagt, was sie von ihr möchte und zwar positiv formuliert. „Bleib auf dem Spielplatz.“ / „Bleib an meiner Hand.“
  • …sich reflektieren, ob Marie genügend Freiraum hat. Das bedeutet, sie kann sich fragen, ob Marie auch mal die Führung übernehmen darf, in Situationen, wo die Zeit da ist. Darf Marie mal bestimmen, wo sie wann durchlaufen? Darf Marie mal entscheiden, wie lange sie irgendwo stehen bleiben und etwas angucken? Gibt es genügend Möglichkeiten, in denen Marie einfach springen kann soweit sie will? Gibt es Möglichkeiten, in denen Marie ihren Träumen und Gedanken nachhängen kann, ohne dass Mama etwas sagt? Hat Lucy vielleicht hier oder dort Zuviel Bedürfnis nach Kontrolle? Wenn ja, wo könnte sie solche loslassen?
  • …sich fragen, ob es ihr wirklich wichtig ist. Das heisst, ist es Lucy wirklich wichtig? Oder möchte sie eigentlich viel mehr, dass ihre Tochter diese Freiheit hat und es ist für sie auch stimmig aber sie macht sich all diese Gedanken, weil „Andere über sie denken könnten“? Dann darf sich Lucy überlegen was sie braucht, um ihre Authentizität und Kraft ausleben zu können. Denn sie hat alles Recht, sich selbst sein zu dürfen und das Zusammenspiel zwischen Tochter und Mutter so zu gestalten, wie es für sie stimmig ist!

Ein bunter Strauss an Möglichkeiten

Ich würde sagen, dass Lucy hier einen bunten Strauss an Möglichkeiten hat. Wenn sie die Situation wirklich ändern möchte, dann bin ich mir sicher, dass ihr dies gelingt. Wichtig ist einfach, dass sie dran bleibt. Sie darf sich eine Idee aus dem Strauss an Möglichkeiten aussuchen und diese 14 Tage lang ausprobieren. Warum 14 Tage? Weil es mindestens 14 Tage braucht, bis unser Hirn sich von „alten“ Gewohnheiten und Mustern lösen kann und neue annimmt. Funktioniert es nach 14 Tagen nicht und besteht das „Problem“ noch, dann darf Lucy etwas anderes ausprobieren. Jedes Kind, jede Mami, jeder Papi und jedes Familiensystem ist eigen. Deshalb gibt es keine Lösungen ab Stange, sondern immer nur Ideen und Möglichkeiten.

Und ich kann mir gut vorstellen, dass es schon ausreicht, wenn Lucy ganz klar für sich entscheidet, dass sie nicht mehr akzeptiert, wenn Marie ihr weg läuft. Dass sie nicht mehr bereit ist, das Spiel zu spielen, ärgerlich zu werden, Marie nachzulaufen oder sonst etwas! Diese klare innere Haltung reicht oft schon völlig aus, dass die Kinder unsere natürliche Autorität und Klarheit spüren und es gar nicht mehr zu der Situation kommt. Wenn Lucy dann noch die Ermutigung einsetzt und Marie zurückspielt, wann es klappt und toll ist, dann sind die zwei Ladies bestimmt super schnell wieder auf friedvollem, beziehungsstärkenden, gemeinsamen Kurs!

Herzensgrüsse an Dich,

Céline

Ps: Dieser Artikel gehört in die Rubrik „Alltägliches mit Kindern leicht gemacht“. Solche Themen lassen sich in einem Coaching oder auch in einer Austauschgruppe oft ganz schnell und einfach auflösen. Es braucht lediglich einen Schritt zurück, ein kurzes Beobachten von Aussen im Sinne von „Was geschieht hier eigentlich? Was führen wir hier für ein Spiel? Welches unbewusste Ziel erreicht mein Kind, oder ich mit diesem Verhalten?“. Sind die Themen, Ziele etc. erkannt, können andere Ideen und Lösungsmöglichkeiten gesucht und gefunden werden. Und so wird das Zusammenleben wieder friedvoll und gemeinschaftlich!

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