Wieviel schlechte Laune können wir ertragen?

Das ist eine Frage, die mich im Moment gerade (wieder einmal) sehr begleitet als Mutter. Unser Familienzustand seit ein paar Wochen ist, dass eines meiner Kinder so richtig stinkige Laune hat, meistens zumindest. Das heisst konkret, dass sie eine dünne Haut hat, wegen jeder Kleinigkeit schimpft, jammert, weint, tobt und das anstrengendste am Ganzen, sie provoziert und stichelt jeden, den sie kann. Wenn sie mit den Sticheleien bei uns Eltern nicht weiter kommt, dann versucht sie es bei der Schwester. Natürlich zu 98% sehr erfolgreich und ein herrlicher Geschwisterstreit ist entfacht, der ebenfalls auf mein mütterliches Nervenkostüm prallt. Kurz, seit Wochen herrscht um mich herum schlechte Stimmung, stinkige Luft. Kennst Du das? Kommt das bei Euch zu Hause auch mal vor, dass ein Familienmitglied die Anderen so richtig gehend „piesakt“? Also erstmals muss ich Euch enttäuschen, denn ich habe noch kein Patentrezept dagegen gefunden. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass es KEIN Patentrezept gibt und wer ein solches verspricht, der betreibt Scharlatanerie.

Und doch kann ich Dir erzählen, wie ich das als Mutter mit pädagogischem Hintergrund so angehe.

Vielleicht gibt Dir das Ideen, wie du selbst mit solchen miesen Stimmungen umgehen kannst:

  1. Ich frage mich, was eine Kamera aufzeichnen würde. Entspricht meine Wahrnehmung den Tatsachen? Oder empfinde ich alles viel zu intensiv, zu übertrieben? Habe vielleicht eher ich eine schlechte Stimmung, bin nicht zufrieden und mein Kind spiegelt meine Unzufriedenheit? Oder nehme ich zur Zeit gerade NUR die schlechten Momente wahr?
  2. Falls aber eine Kamera das so aufzeichnen würde, wie ich das empfinde, dann stelle ich fest, dass mein Kind im Moment äusserst anstrengend ist. Ohne Wertung, das ist einfach eine sachliche Feststellung, ein Fakt, eine Information. Punkt.
  3. Genau dieser Fakt wiederum sagt mir, dass mein Kind im Moment NICHT in seiner Mitte ist, dass es durch irgend etwas aus dem geliebten Familienkreis gefallen ist, dass es sich NICHT in seiner Komfort-Zone befindet. Ein Kind verhält sich nicht so, um uns zu nerven. Es steckt hinter Fehlverhalten IMMER ein Hilferuf („Bevor ein Kind Probleme macht, hat es welche!“ Zitat Alfred Adler). Also ist es meine Aufgabe hinzuschauen und versuchen zu verstehen, was für ein Signal mein Kind mir zusendet. Anstatt mich angegriffen, genervt, wütend, beleidigt und der gleichen zu fühlen.
  4. Um herauszufinden, um welches Signal  es sich handelt, kann ich mir u.A. überlegen, wann das Fehlverhalten seinen Anfang nahm. Ist dort irgend etwas passiert? Was hat sich verändert? Oder steht eine grosse Veränderung (z.B. Übertritt in eine neue Klasse, Umzug, Geburt eines Geschwisters etc.) in den nächsten Monaten an? Steckt das Kind gerade in einem Entwicklungsschritt? Welches Bedürfnis ist nicht erfüllt (z.B. Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe, Schlaf etc.)?
  5. Nun kann ich den Dialog mit meinem Kind suchen: „Kann es sein, dass es Dich verunsichert, dass bald XY ansteht?“ Oder „Hat es Dich vielleicht verletzt, als ich Dir XY gesagt habe?“ etc.
  6. Vielleicht ändert sich das Verhalten meines Kindes, wenn es sich verstanden, gesehen und geliebt fühlt. Vielleicht reicht das aber auch nicht aus. Vielleicht möchte das Kind im Moment gar nicht, dass es ihm wieder gut geht. Vielleicht gefällt dem Kind die Rolle, in die es geschlüpft ist ja ganz gut. Vielleicht fühlt es sich auch wirklich ganz besonders mies im Moment und das dauert jetzt einfach eine Weile. Wir suhlen uns ja auch manchmal etwas länger im Selbstmitleid, sitzen im Jammertal, bis wir etwas zu verändern bereit sind.

Was nun?

  • Ich kann versuchen zu akzeptieren, dass es im Moment so ist, wie es ist und sich die Situation nicht ändern lässt.
  • Ich kann meinem Kind die Verantwortung für seine Laune übergeben. Ich kann diese nicht ändern, ich bin auch nicht für seine Laune verantwortlich. Ich verhindere die Tiraden und Ausbrüche nicht.
  • Ich kann das Geschwister versuchen zu stärken, sich möglichst nicht auf die Sticheleien einzulassen, sich selbst zu schützen.
  • Ich selbst versuche, mich weder auf Aufmerksamkeits-, noch auf Machtspiele einzulassen.
  • Ich versuche möglichst ALLES zu sehen, was mein Kind gut macht und sage ihm das dann auch.
  • Ich kann versuchen, dem Kind Angebote zu machen, wie es etwas für die Gemeinschaft TUN kann. Anderen helfen, sich nützlich einbringen. Dies dann sehen, wertschätzen und anerkennen.
  • Ich versuche mein eigenes Ego auszuschalten, so gut es geht. Es geht jetzt nicht um mich, sondern einem geliebten Menschen geht es nicht gut.
  • Ich sage mir immer wieder den Satz „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.“ (Zitat von Erich Fried) und denke dabei an mein Kind.
  • Oder ich frage mich „Was würde jetzt die Liebe tun?“ – Welche Liebessprache spricht und versteht mein Kind besonders gut? In diesen Pot zahle ich ein, soviel ich kann.
  • Ich kann Druck herausnehmen. Rückschritte zulassen, wenn das Kind in einem Entwicklungsschritt steckt.
  • Ich kann mehr Fordern, wenn ich das Gefühl habe, dass das Kind unterfordert ist.
  • Ich kann gaaaanz viel Humor einsetzen.
  • Ich kann mein Kind in seinen Gefühlen begleiten (hierzu möchtest Du vielleicht diesen Artikel lesen)
  • Ich kann mal bewusst für eine Woche alles Negative, Kritisierende, Destruktive NICHT sagen. (Das ist übrigens sowieso eine spitzen Übung, sehr ermutigend!)
  • Und es gibt noch mehr Ideen…

Und wenn ich das irgendwann einfach nicht mehr kann?

Weil für mich diese schlechte Stimmung ab einem gewissen Punkt einer Folter gleicht? Einer Tortur? Einer Tyrannei? Einem Gewaltakt an meiner Seele? Was, wenn ich spüre, dass ich selbst nicht mehr in meiner Mitte bin? Dass ich lieber wo Anders wäre? Dass mir der Geduldsfaden reisst?

  • Dann MUSS ich mir so viel Auszeit nehmen, wie es irgendwie geht. Das müssen keine riesigen Dinge sein, hier reichen da und dort schon ein paar Minuten, manchmal. Mich nähren ist jetzt das oberste Gut (Hier liest Du mehr dazu).
  • Ich darf Hilfe annehmen, wo es nur geht und mein, hoffentlich vorhandenes, Netzwerk in Anspruch nehmen.
  • Ich kann mit dem Partner/in sprechen und vielleicht ist es ihm/ihr möglich, im Moment etwas mehr zu übernehmen?
  • Ich MUSS mich rechtzeitig abgrenzen und schützen. Und JA, dafür gehe ich aus der Beziehung mit meinem Kind. Aber besser, Du gehst rechtzeitig aus der Beziehung mit Deinem Kind, als dass Du es mit Worten oder Taten erniedrigst. Egal ob Du dann zu schreien, zu schlagen, klein machen, schweigen, zu strafen oder zu drohen beginnst, alles ist für den Selbstwert Deines Kindes nicht förderlich. Es ist viel besser, wenn Du dem Kind mitteilst, dass es Dir jetzt nicht mehr gut geht, dass Du Dich jetzt um Dich kümmern must, bevor Du wieder für es da sein kannst. Und dann tust Du genau das. Du schützt Dich, Du grenzt Dich ab. Nicht, um das Kind zu etwas zu bringen (mehr dazu hier), sondern um für Dich selbst zu sorgen. Wie Du das tust?
    Du kannst:
    in ein anderes Zimmer gehen und die Türe hinter Dir zu machen;
    Kopfhörer anziehen und Musik hören;
    Laut singen;
    Alles raus tanzen;
    Eine Runde um den Block laufen;
    Ins Kissen schreien;
    Eine Freundin anrufen;
    Alles aufschreiben;
    Und, und, und – was auch immer Dir gut tut, um runter zu fahren. Das weisst nur Du selbst am Besten, was das ist. Und wenn Du es nicht weisst, dann mach Dich ganz schnell auf die Suche danach. Sprich mit Freunden, was sie tun, was ihnen gut tut. Geh zu einer Fachperson und findet es gemeinsam heraus. Egal was, es ist elementar, dass Du zu üben beginnst, wie Du Dich runter fahren kannst. Denn genau damit hilfst Du Dir und Deinem Kind.
  • Und ich kann auch mal einfach ganz deutlich sagen: „STOPP, ich sehe, es geht Dir schlecht. Das ist OK, Du kannst das auch raus lassen. Aber für mich ist jetzt fertig, mehr will ich nicht ertragen! Können wir uns für die nächsten 10 Minuten irgendwie aus dem Weg gehen?“

Manchmal dauern solche Phasen einfach etwas länger.

Je besser wir es schaffen, das alles NICHT persönlich zu nehmen, es als Hilferuf anzusehen, umso schneller ziehen die Phasen vorbei. Zu erkennen, welcher Hilferuf dahinter steckt, welches Bedürfnis nicht erfüllt ist, das ist oftmals nicht so einfach, vor allem, wenn wir selbst betroffen sind. Genau hierfür hilft es sehr, sich die Situation mit einer Fachperson anzusehen oder sich in einem Eltern-Treff auszutauschen. Ein neutraler Blick von Aussen findet meistens viel schneller heraus, was der Auslöser sein könnte. Beginne zu reflektieren, anstatt zu jammern und selbst in ein Notprogramm zu fallen, in dem wir nicht gleichwertig, nicht respektvoll, nicht wohlwollend, nicht vorbildlich und vor allem nicht liebend handeln können. Das schafft KEINER, wenn er im Notprogramm läuft. Es ist jetzt auch nicht tragisch, wenn wir mal im Notprogramm laufen. Das geschieht JEDEM Elternteil ein oder mehrmals in seiner Laufbahn (und unsere Kinder sind auch nicht aus Zucker, sie mögen vieles wegstecken). Wenn wir aber gehäuft ins Notprogramm verfallen, dann ist es an der Zeit, genauer hin zu schauen. Nicht, weil wir versagt haben. Oh nein! Sondern weil wir nicht gewillt sind, unser Kind klein zu machen, ihm zu drohen und es zu strafen. Diesen wertschätzenden Weg können wir gehen, sollten wir gehen, aber wir dürfen uns auch bewusst sein, dass er ein Netzwerk erfordert, ein Miteinander, ein Füreinander, ein hohes Mass an Selbstreflektion und andere Mitdenker für unkonventionelle und neue Lösungsvorschläge.

Manchmal finde ich diesen Weg anstrengend. Manchmal wäre es einfacher zur Strafe oder Erniedrigung zu greifen. Aber ich bin mir zu 100% sicher, dass sich dieser Weg auszahlt, für die Seele und für die Entwicklung meiner Kinder und mir. Es fühlt sich einfach verdammt richtig an!

Falls Du auch auf diesem Weg bist (und das vermute ich, wenn Du mir auf meinem Blog folgst), dann lass uns das Ding gemeinsam rocken. Halten wir durch, bleiben wir dran. Holen wir uns Gleichgesinnte ins Boot, falls wir das noch nicht getan haben. Weil wir und unsere Mitmenschen es uns wert sind!

2 Kommentare
  1. Bejewly says:

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Bei uns geht es gerade genauso zu und am liebsten möchte ich mir deinen Artikel ausdrucken und aufhängen. Mittlerweile versuche ich immer, wenn ich merke, meine Stimmung kippt auch, zu atmen und mich in meine Mitte zurück zu holen… Es nicht persönlich zu nehmen ist das A und O.
    Liebe Grüße
    Berdien

  2. Céline Schaub says:

    Liebe Berdien, Danke für Deine Worte. Ich bin mit der Kommentarfunktion noch nicht so vertraut, deshalb die späte Antwort. Danke für Deine Geduld. Schön, dass Dich die Worte berührt haben und sie Dir hoffentlich etwas Kraft geben. Kraft brauchen wir Mamas immer wieder. Schön, dass Du Dich mit dem atmen in Deine Mitte zurück holen kannst. Das ist ja genial, dass Du weisst wie Du das schaffst. Ich habe dafür ziemlich lange gebraucht, bis ich die richtigen Schlüssel gefunden habe, um nicht mitzudrehen…
    Herzliche Grüsse
    Céline

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