MamaTalk – Du bist so unselbständig

Der Mama-Talk erzählt Geschichten aus dem Alltag, hier über das genervt sein einer Mama über das unselbständig sein ihrer Tochter. Geschichten mit Themen, die Du auch kennen könntest. Und er erzählt über den Versuch, respektvolle, gewaltfreie, gleichwertige und konstruktive Lösungen zu finden. Er enthält nur Ideen, es sind keine Rezepte. Denn Rezepte gibt es nicht. Die Welt ist bunt und so sind es auch wir Mamas, die Papas und unsere Kinder. Zum Glück, wenn Ihr mich fragt.

„Du bist so unselbständig!“

Sagt Mama Lisa zu ihrer 5 jährigen Tochter, während sie ihr hilft ihre Schuhe für die Tanzstunde abzuziehen. Baff. Eine verbale Ohrfeige, gar keine Frage.

Noch am selben Abend

erzählt Mama Lisa ihrer Freundin Ruth von ihren Sorgen. „Weisst Du, ich bin echt total genervt über meine Tochter Mia. Da gehe ich mit ihr ins Tanzen und ALLE Kinder, wirklich ALLE Kinder, ziehen sich alleine die Schuhe aus und ihre Tanzschuhe an. Nur MEINE Mia nicht. Sie steht da, streckt die Arme aus und sagt, dass Mami helfen soll. IMMER das gleiche Spiel. Und mir ist das ja so peinlich. Echt. Ich frage mich, wieso sich ALLE anderen Kinder alleine umziehen können und meine Mia kann das nicht?! Und es ist ja nicht nur beim Tanzen so. Nein, auch Zuhause geht das so. JEDEN Morgen vor dem Kindergarten schicke ich sie zum Anziehen. Doch denkst Du sie macht es alleine? NEIN. Sie jammert dann oder trödelt und macht nicht vorwärts bis ich sie am Schluss DOCH wieder angezogen habe. Ach, ich bin ja so genervt. Wie um Himmels Willen kann ich sie zu mehr Selbständigkeit bringen? Das kann doch nicht sein, dass sie die EINZIGE ist, die NICHTS alleine macht und Mama IMMER ALLES für sie machen muss!!!“

Ruth versteht ihre Freundin Lisa super gut.

Wenn Ruth in „Lisa’s Schuhe steht“, dann klingt das aus ihrer Sicht echt anstrengend und nervig. Und sie bestärkt ihre Freundin kräftig darin, dass sie sie super gut verstehen kann. Diese Unselbständigkeit von Mia ist wirklich mühsam, Ruth stand auch schon bei ähnlichen Situationen dabei. Sie kann auch verstehen, dass ihrer Freundin Lisa das peinlich und unangenehm ist. Wirklich eine Idee, wie man hier etwas ändern könnte, hat Ruth auch nicht. Lisa fühlt sich nach dem Gespräch mit Ruth etwas besser. Sie konnte ihre Sorgen parken und los werden. Doch am nächsten Tag – ist ihr Problem wieder da. Bereits am Morgen holt es sie wieder ein.

Was könnte Lisa also überlegen und ausprobieren, damit sich ihre Situation verbessert?

  • Lisa sollte als erstes überlegen, ob Mia sich überhaupt alleine anziehen KANN. Das heisst, geht es um „nicht wollen“ oder „nicht können“? Das ist ein riesiger Unterschied.Falls Mia es noch nicht kann, dann sollte Lisa ihre Einstellung überdenken. Ihre Tochter ist bei diesem Entwicklungsschritt noch nicht angelangt. Das ist OK, jedes Kind hat einen anderen Rhythmus. Auch wenn es schwer ist mit anzusehen, dass scheinbar die meisten anderen Kinder diesen Entwicklungsschritt schon hinter sich haben. Dann kann sie mit Mia täglich üben. In kleinen Schritten versteht sich und Mia überall einbeziehen wo es geht. Mia darf immer zuerst selbst probieren. Und wenn Mama etwas macht, wie z.B. den Reisverschluss der Jacke zuziehen, dann sollte Mia dabei zusehen. So kann sie schon viel abschauen über Zuschauen.
  • Nun ist es hier aber so, dass Mia das alles alleine KANN, wenn sie denn WOLLTE. Denn im Kindergarten, wenn die Mama nicht da ist, klappt das gemäss der Lehrerin einwandfrei. So scheint dies also ein Zwischenspiel von Mama Lisa und Tochter Mia zu sein.
  • Wenn sich Lisa dessen bewusst wird, dann wäre es nun schön, wenn sie nicht einfach Mia die Schuld dafür zuschiebt. Mia macht das nicht absichtlich um ihre Mutter zu ärgern. Jedes menschliche Verhalten ist zielgerichtet, gemäss dem Tiefenpsychologen Alfred Adler. Das heisst also, jedes Verhalten dient einem Zweck. Wir Alle haben bei unseren Handlungen ein UM ZU dahinter. Und das machen Kinder nicht absichtlich, sondern unbewusst. Bei dem UM ZU steckt ein Bedürfnis dahinter. Dreht es sich um negatives Verhalten sind wir beim Thema Fehlverhalten. Fehlverhalten ist nichts anderes als irrgeleitete Verhaltensweisen, um unbewusste Ziele zu erfüllen und wichtige Bedürfnisse zu decken. Es liegt an uns Erwachsenen, diese Botschaften richtig zu entschlüsseln, das Problem an der Wurzel (dem Bedürfnis) zu packen und unsere Reaktionen zu verändern um die Strategie des Kindes umzulenken. (Mehr zum Thema Fehlverhalten liest Du hier und wie Du es Zuordnest und ins Positive umlenkst erfährst Du in meinem Offlinekurs „Fehlverhalten – als Hilferuf erkennen„.)
  • Mit diesem Wissen weiss nun Lisa, dass Mia das nicht extra macht und schon gar nicht bewusst. Doch sie macht es aus einem Grund. Es gibt IMMER ein UM ZU. Die Frage ist also, aus welchem Grund macht das Mia? Ja was denkst Du? Was bekommt Mia von ihrer Mama, wenn sie es nicht selbst kann und Mama’s Hilfe benötigt?
    Ich sehe, dass Mia hier z.B. Mama’s volle Aufmerksamkeit hat. Mama lässt alles andere stehen und liegen und beschäftigt sich ausschliesslich mit ihrer Tochter. Sie ist zwar genervt, doch das nimmt das Kind in Kauf. Lieber negative Aufmerksamkeit als keine.
  • Mia’s Bedürfnis dahinter könnte also sein, dass sie mehr Aufmerksamkeit oder ungeteilte Aufmerksamkeit von ihrer Mutter bekommt. Da es ja verschiedene Liebessprachen gibt gemäss dem Buch „die 5 Sprachen der Liebe“ von Gary Chapman, könnten hier folgende Liebessprachen angesprochen sein. Mia hat vielleicht die Liebessprache nach Hilfsbereitschaft. Durch Hilfestellungen von der Mama holt sich Mia eine extra Portion Liebe ab. Mia könnte aber auch die Liebessprache haben nach Zeit zu Zweit. Durch die extra Portion Aufmerksamkeit und Zeit mit Mama versucht sie sich ihren Liebesspeicher zu füllen.
  • Mama Lisa kann nun versuchen, auf andere Weise, diese Liebesspeicher ihrer Tochter gut zu füllen.
    Indem sie jeden Tag einige Minuten Zeit mit ihrer Tochter alleine verbringt. Oder indem sie einmal pro Woche 2 Stunden ganz alleine mit ihrer Tochter Zeit verbringt.
    Oder indem sie weiss, dass sie ihrer Tochter ihre Liebe schenken kann, indem sie ihr hier und dort hilft. Dann bekommen ihre Hilfestellungen auf einmal einen anderen Stellenwert. Sie nehmen einen anderen Platz ein im Herzen von Mama Lisa, weil sie weiss, dass sie damit den Liebesspeicher ihrer Tochter füllt.
  • Mama Lisa kann sich auch überlegen, ob sie denn die Verantwortung an Mia WIRKLICH abgeben mag. Oder ob sie Mia auch hilft, weil ein Bedürfnis von Mama dahinter steckt. Z.B. das Bedürfnis nach Pünktlichkeit, die Befürchtung zu spät zu kommen. Das Bedürfnis nichts zu verpassen. Das Bedürfnis von Mama gebraucht zu werden oder wichtig zu sein. Falls Mama Lisa an Mia die Verantwortung übergeben möchte, dann empfehle ich diesen Artikel zu lesen.

Ja, all das wäre möglich, wenn Mama Lisa wirklich hinsehen mag.

Sie könnte gemeinsam mit ihrer Tochter wachsen. Und ich finde es so schön, dass so viele Eltern genau das tun. Sie lösen sich von alten Mustern, von „man macht“ und gehen neue, wundersame Wege. Das braucht Kraft, Geduld, Ausdauer und viel Selbstannahme.

Und etwas möchte ich gerne Mama Lisa noch sagen:

Bitte liebe Mama Lisa. Ich sehe Deinen Ärger, Deine Not und wir alle sagen und tun Dinge, wenn wir innerlich in Stress kommen, die wir bei klarem Bewusstsein nicht tun würden. Das ist kein Kapitalverbrechen sondern einfach nur menschlich. Und Deine Aussage an Mia „Du bist so unselbständig“, die ist genau so eine Reaktion. Sie ist abwertend, gewaltvoll und nicht fair. Dafür würde ich mich also unbedingt bei Deiner Tochter entschuldigen. So dass Deine Tochter weiss, dass auch Du Fehler machst und dass Fehler machen OK ist und zum Mensch sein dazu gehört. Niemand ist unfehlbar. Fehler sind Erfahrungen und wir brauchen sie, um daraus lernen zu können. Auch wenn wir auf gewisse Erfahrungen lieber verzichten würden.

Du möchtest auch mal eine wiederkehrende Situation von Dir anschauen und aus einem Muster ausbrechen? Na dann los, dann melde Dich für ein Coaching bei mir oder einer Person Deines Vertrauens an. Mehr zu mir findest Du hier.

Also Mama Lisa, Keep on going, Du machst Deinen Job meistens super! #No mum is perfect! JEDER hat Themen! Jeder hat Dinge im Alltag, wo es herausfordernd ist. Das ist normal und das gehört dazu. Sonst wäre es ja langweilig. Oder? Und ich bin mir sicher, Du bist eine ganz wundervolle Mama!

Herzliche Grüsse

Céline

2 Kommentare
  1. Gygax Sabrina says:

    Liebe Céline

    Wie immer sehr treffend und toll geschrieben! Wer kennt sie nicht, diese alltäglichen Situationen, in denen nicht alles so planmässig verläuft. Unsere Kinder sind schlau und merken, wie sie unsere Aufmerksamkeit kriegen- und zwar sofort! Vielleicht fragen wir auch uns mal, wie oft wir sagen : ich chume grad“… aber es dauert an und evt vergessen wir s sogar? Da können wir uns sogar selber an der Nase nehmen.

    Ich wünsche allen Mami‘s viel Geduld im Alltag mit euren Liebsten! Es lohnt sich dran zu bleiben 😊.

  2. Céline Schaub says:

    Liebe Sabrina

    Danke für Deine Worte, den Input zu „ich chume grad“ (wie wahr) und den Mutmacher. Wir sitzen alle im selben Boot und Du hast so recht, dran bleiben lohnt sich. Lieber früher als später. Die Bemühungen zahlen sich aus, davon bin ich überzeugt. Herzliche Grüsse, Céline

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